Wer sich online mit Earthing beschäftigt, stößt schnell auf zwei Extreme. Auf manchen Seiten wirkt Erdung wie die Lösung für nahezu jedes gesundheitliche Problem. Anderswo wird vor Erdungsprodukten, elektromagnetischen Feldern oder sogar der Nutzung einer geerdeten Steckdose gewarnt.
Kein Wunder, dass dabei Unsicherheit entsteht.
Viele Missverständnisse rund um Earthing entstehen, weil Begriffe aus Elektrotechnik, Physik und Gesundheit miteinander vermischt werden. Deshalb schauen wir uns in diesem Artikel einige der häufigsten Aussagen genauer an: Was lässt sich tatsächlich erklären oder messen? Was wird online zu stark vereinfacht? Und wo sollten wir mit Schlussfolgerungen vorsichtig bleiben?
Warum gibt es so viele Fehlinformationen über Earthing?
Earthing, auch Grounding oder Erdung genannt, bedeutet zunächst nichts anderes, als dass dein Körper elektrisch mit der Erde verbunden wird.
Im Freien funktioniert das ganz unkompliziert, wenn du barfuß auf einem leitfähigen natürlichen Untergrund wie Gras, feuchter Erde oder Sand stehst.
In Innenräumen lässt sich dieses Prinzip beispielsweise mit einer Erdungsmatte oder einem Erdungslaken nutzen. Ein solches Produkt verwendet den Schutzkontakt der Steckdose, benötigt selbst aber keinen Strom.
Genau hier entsteht häufig das erste Missverständnis. Eine Steckdose verbinden wir automatisch mit Netzspannung. Ein Erdungsprodukt nutzt jedoch ausschließlich die Schutzerdung und nicht die stromführenden Kontakte, über die elektrische Geräte mit Energie versorgt werden.
Mythos 1: „Durch Erdung wird der Körper zur Antenne für Strahlung“
Eine häufige Warnung lautet, dass ein geerdeter Körper elektromagnetische Felder stärker „anziehen“ würde.
So einfach lässt sich das aus elektrotechnischer Sicht jedoch nicht darstellen.
Ein direkt messbarer Effekt der Erdung ist, dass sich das elektrische Potenzial des Körpers gegenüber der Erde verändert. In Messungen, die unter anderem im Dokument „Beware of Earthing Misinformation“ diskutiert werden, sank die am Körper gemessene Wechselspannung deutlich, nachdem die Versuchspersonen geerdet wurden.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Earthing automatisch vor jeder Form elektromagnetischer Strahlung schützt.
Elektrische Felder, magnetische Felder und hochfrequente elektromagnetische Strahlung sind unterschiedliche physikalische Phänomene. Aussagen, nach denen Erdung sämtliche elektromagnetischen Felder oder „EMF“ einfach neutralisiert, greifen deshalb ebenfalls zu kurz.
Mythos 2: „Beim Earthing fließt gefährlicher Strom durch den Körper“
Auch dieses Missverständnis hängt meist mit der Steckdose zusammen.
Ein Erdungsprodukt ist jedoch kein elektrisches Gerät, das mit Netzstrom betrieben wird. Es stellt lediglich eine leitfähige Verbindung zur Erde her.
Zusätzlich enthalten die Anschlusskabel der Erdungsprodukte von Vitaminearth einen integrierten Widerstand von 100 kΩ. Dieser begrenzt den Strom, der über die Verbindung fließen kann.
Entscheidend ist daher die Unterscheidung zwischen einer Verbindung zur Erde und einer Verbindung zur Netzspannung. Technisch handelt es sich dabei nicht um dasselbe.
Mythos 3: „Earthing über die Steckdose ist gefährlich“
Bei einem dafür vorgesehenen Erdungsprodukt wird ausschließlich der Schutzkontakt einer geerdeten Steckdose genutzt.
Eine wichtige Voraussetzung gibt es allerdings: Die Steckdose und die elektrische Installation müssen korrekt geerdet sein.
Wenn du dir unsicher bist, solltest du die Steckdose vor der Nutzung mit einem geeigneten Steckdosentester prüfen oder die Installation von einer Elektrofachkraft kontrollieren lassen. Auch Vitaminearth empfiehlt, vor der ersten Anwendung sicherzustellen, dass der Schutzleiter tatsächlich korrekt angeschlossen ist.
Je nach Erdungsprodukt besteht außerdem die Möglichkeit, eine Erdungsstange zu verwenden, die direkt mit dem Erdreich außerhalb des Gebäudes verbunden wird.
Was sagt die Forschung über Earthing wirklich?
Auch bei den gesundheitlichen Auswirkungen von Earthing ist eine differenzierte Betrachtung wichtig.
In verschiedenen Studien wurden unter anderem Veränderungen des Körperpotenzials, der Schlafqualität, der Stressregulation, des autonomen Nervensystems, entzündungsbezogener Parameter und der Blutviskosität untersucht.
Das macht Earthing zu einem interessanten Forschungsgebiet. Es bedeutet jedoch nicht, dass jede Gesundheitsbehauptung, die online über Erdung verbreitet wird, wissenschaftlich bewiesen ist.
Viele der bisherigen Untersuchungen arbeiten mit relativ kleinen Teilnehmergruppen. Größere, unabhängige Studien sind deshalb notwendig, um mögliche Wirkungen zuverlässiger einordnen zu können.
Wenn du tiefer in die Forschung einsteigen möchtest, lies unseren Beitrag über wissenschaftliche Studien zu den Vorteilen von Earthing. Auf unserer Seite Medien und Forschung findest du außerdem verschiedene Untersuchungen und Hintergrundinformationen gesammelt.
Kann man sich am Anfang anders fühlen?
Auch darüber wird online viel diskutiert.
Müdigkeit, Kribbeln oder ein vorübergehend ungewohntes Körpergefühl werden manchmal als „Detox-Reaktion“ oder als Zeichen dafür beschrieben, dass sich der Körper an die Erdung anpasst.
Mit solchen Aussagen sollte man vorsichtig sein.
Es gibt bislang keine ausreichende wissenschaftliche Grundlage dafür, solche Beschwerden automatisch einem Entgiftungs- oder Anpassungsprozess zuzuschreiben. Manche Menschen nehmen nach Beginn des Earthing Veränderungen wahr, während andere zunächst überhaupt keinen Unterschied bemerken.
Gib deinem Körper deshalb Zeit und erwarte keine spektakulären Veränderungen nach nur einer Nacht.
Warum Erfahrungen von Mensch zu Mensch unterschiedlich sein können, erklären wir ausführlicher in unserem Beitrag Wann merkt man die Wirkung eines Erdungslakens.
Woran erkennst du seriöse Informationen über Earthing?
Du musst kein Wissenschaftler sein, um Gesundheitsinformationen kritisch einzuordnen. Einige einfache Fragen helfen bereits:
- Wird auf konkrete Studien oder nachvollziehbare Messungen verwiesen?
- Handelt es sich um objektive Daten oder ausschließlich um persönliche Erfahrungsberichte?
- Werden Grenzen und Schwächen der Studien ebenfalls erwähnt?
- Werden Begriffe wie „kann“, „möglicherweise“ oder „Hinweis“ verwendet, wenn die Datenlage noch begrenzt ist?
- Werden komplexe physikalische oder medizinische Zusammenhänge nicht unnötig vereinfacht?
Persönliche Erfahrungen können interessant und wertvoll sein. Sie sind jedoch nicht dasselbe wie wissenschaftliche Evidenz.
Umgekehrt bedeutet eine noch begrenzte Studienlage aber auch nicht automatisch, dass ein Effekt ausgeschlossen ist. Entscheidend ist, sauber zwischen Erfahrung, Hypothese und wissenschaftlich gesichertem Wissen zu unterscheiden.
Earthing selbst ausprobieren?
Erdung muss nicht kompliziert sein. Mit einer Erdungsmatte während der Arbeit oder einem Erdungslaken im Bett lässt sich Earthing unkompliziert in den Alltag integrieren.
Fakten statt Angst – und statt großer Versprechen
Kritische Fragen zu Earthing sind sinnvoll. Das gilt für Warnungen vor vermeintlichen Gefahren genauso wie für spektakuläre Heilversprechen.
Das Grundprinzip der Erdung selbst ist erstaunlich einfach: Der Körper wird elektrisch mit der Erde verbunden. Draußen funktioniert das kostenlos über direkten Hautkontakt mit einem geeigneten natürlichen Untergrund. In Innenräumen kann dafür ein speziell entwickeltes Erdungsprodukt verwendet werden.
Wenn du anschließend wissen möchtest, welche gesundheitlichen Effekte bislang untersucht wurden, lohnt sich ein Blick in die vorhandene Forschung.
Denn weder Angstmeldungen noch Wunderbehauptungen helfen dabei, Earthing sinnvoll einzuordnen. Gute Informationen beginnen viel grundlegender: klar erklären, was wir wissen – und genauso offen sagen, was bislang noch nicht ausreichend geklärt ist.

